Mit Kater und Whirlpool
Artikel vom 22.01.2012
Zimmer mit Aussicht: Selbst bei trübem Wetter ist der Blick vom Blauen Turm atemberaubend.Fotos: Marion Mockler
Es gibt Sätze, über die können Möbelpacker nicht lachen. "Das ist das falsche Klavier", zum Beispiel. Und doch hat Blanca Knodel genau das gesagt, als ihr Piano in der Türmerwohnung im Blauen Turm von Bad Wimpfen ankam − 25 Meter oder 134 Stufen über den Straßen der Stauferstadt. "Es war ein Scherz", sagt die 60-Jährige und lacht noch immer bei der Erinnerung. "Aber die fanden das überhaupt nicht komisch."
Das Klavier steht auch 16 Jahre nach dem Einzug noch an Ort und Stelle. Darüber hängt ein Stammbaum aus gerahmten Bildern. "Sieben Generationen", sagt die Türmerin, deren Familie zu den ältesten in Bad Wimpfen gehört. Schon deshalb liebt auch Blanca Knodel das Wahrzeichen der Stadt. "Der Turm hat 800 Jahre auf mich gewartet." Und sie ist entschlossen, noch mindestens 25 Jahre "oben" zu bleiben: Denn Deutschlands ältester Türmer war 84. "Ich bin die erste Frau auf dem Turm − und muss deshalb schon ehrenhalber mindestens bis 85 bleiben."
Den 53 Quadratmeter großen Raum, den sie mietfrei bewohnt, hat die Türmerin selbst ausgebaut und eingerichtet. Dank Zwischendecken und viel Einfallsreichtum fanden hier Knodel und ihre drei Kinder, Kater Tomtom und im Bad sogar ein Whirlpool Platz. "Wenn Barbarossa den gehabt hätte", sagt Knodel und lacht erneut, "dann wäre der heute noch hier."
Überhaupt lacht die Bad Wimpfenerin gerne und viel. Dass sie eigentlich keinen Ruhetag hat, Touristen ab morgens um zehn in ihrem Treppenhaus stehen, sich mancher gar an ihren Küchentisch setzt in der Annahme, er sei in einer Kneipe − sie nimmt es mit Humor: "Es ist einfach ein toller Job. Ich treffe hier nur gut gelaunte Menschen, die anderen tun sich die Treppe nicht an."
Als die Kinder noch zuhause wohnten, sei es zwar manchmal ein bisschen stressig gewesen, bis morgens um neun die Wohnung vorzeigbar zu haben. Aber auch das war nur eine Frage der Organisation − so wie das ganze Leben im Turm. Zeitungen, Pakete und Getränkekisten bringen die Gäste mit herauf. Arzttermine, Ämtergänge und Einkäufe legt Blanca Knodel eben zusammen. "Nur mal kurz Brötchen holen − das macht man natürlich eher nicht."
Noch einmal 33 Stufen über ihrer Wohnung, auf 32 Metern Höhe, befindet sich die Aussichtsplattform, für deren Besuch die Türmerin die Maut kassiert. Von den Prozenten aus den Einnahmen lebt sie −die Plattform nutzt sie als Balkon. Denn schöner, sagt Knodel, kann man Silvesterfeuerwerke oder Sonnenaufgänge nicht erleben. Für die Touristen waren ursprünglich auch die Stühle gedacht, die sich auf jedem Treppenabsatz finden. "Inzwischen nutze ich die allerdings auch ab und zu."
Denn manchmal muss sie ihr Heim doch verlassen − zum Beispiel für die Vorträge, zu denen sie immer wieder eingeladen wird. Sonst aber gibt es wenig, das Blanca Knodel von ihrem Turm herunterlockt. "Wir sind sehr glücklich hier, Tomtom und ich."

