"Krank und widerlich"
Artikel vom 15.01.2012
Wir gehen davon aus, dass der Täter aus der Umgebung kommt.
Eindrücke. Es ist Mittagszeit in Zaberfeld. Am Löweneck − einem halbrunden Gebäude im Ortskern, in dem sich unter anderem die Bücherei, die Post und die Bank befinden − sind vereinzelt weibliche Passanten zu sehen. Sie ziehen die Schultern nach oben. Vor Kälte, denn ein unangenehmer Wind sorgt dafür, dass man sich nicht im Freien aufhalten möchte. Doch es gibt noch einen weiteren Grund, warum momentan gerade Frauen ungern draußen sind. Es handelt sich um einen Fall, den man bisher so nicht kannte − und den selbst Polizeisprecher Harald Schumacher als "noch nie dagewesen" bezeichnet. Ein Mann überfällt Frauen und zwingt sie, ihre Unterwäsche herauszugeben. Dabei trägt er eine Maske und ist bewaffnet. Entweder mit einer Pistole oder mit einem Messer.
Taten. Drei Mal hat der Mann in den vergangenen Monaten zugeschlagen. Zwei Mal davon in Zaberfelder Ortsteilen. Zunächst in Ochsenburg, dann in Leonbronn. Dort überfiel der Mann − hinter dessen Maske Experten einen psychisch gestörten Triebtäter vermuten − am 7. Januar eine 30-Jährige. "Alle haben Angst", sagt eine Frau aus Nordheim, die in Zaberfeld arbeitet. Ihre Kollegin trage zum Schutz schon ein Pfefferspray bei sich, erzählt die 28-Jährige. "Krank und widerlich" findet sie die Taten des Mannes. "Viele Frauen wollen nicht mehr im Dunkeln rausgehen." Der Unterwäscheräuber ist Thema Nummer eins in dem 3.900-Seelen-Ort. Wohnt er in Zaberfeld? Kennt man ihn etwa? Schlägt er bald wieder zu? Die Frauen machen sich jedenfalls Gedanken, wie sie sich schützen könnten. "Eine Frau hat gesagt, man könnte doch vorsichtshalber Unterwäsche in der Handtasche mitnehmen und die ihm dann geben, wenn er kommt", erzählt eine Bäckerei-Verkäuferin. Es sind solche abstrusen, aber verständlichen Gedanken, die Frauen in Zaberfeld momentan umtreiben.
Verdrängung? Doch es gibt auch Zaberfelder, die sich nicht so viele Gedanken über die Taten machen. "Es scheint mir trotzdem noch zu weit weg, und ich versuche mich nicht verrückt zu machen", sagt beispielsweise eine 47-Jährige, die mit ihrer Tochter spazieren geht. Florian Plänich aus Zaberfeld, der als einer von wenigen seinen Namen nennen möchte, sagt: "Meine Schwester traut sich gar nicht mehr aus dem Haus." Zaberfelds Bürgermeister Thomas Csaszar rät zu "erhöhter Wachsamkeit". Polizeisprecher Harald Schumacher denkt nicht, dass der Täter ein Ortsfremder ist: "Wir gehen davon aus, dass der Täter aus der Umgebung kommt."

