Im Rausch
Marion Mockler | Artikel vom 12.09.2010
Cannabis ist die in Deutschland am häufigsten konsumierte Droge.Fotos: tmn/Archiv
Harte Drogen sind in Deutschland auf dem Vormarsch, das zeigen neue Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums. 1.449 Menschen sind 2008 an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. Aber woran erkennen Familie und Freunde, wenn jemand in die Abhängigkeit rutscht? Und was ist dann zu tun? Irene Hermann von der Suchtkoordinationsstelle beim Amt für Familie, Jugend und Senioren Heilbronn gibt Auskunft.
Welche illegale Droge wird am häufigsten konsumiert?
Irene Hermann: Das ist Cannabis: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen spricht von etwa 2,4 Millionen Konsumenten in Deutschland, davon sind etwa 220.000 abhängig.
Gibt es "Mode-Drogen", die gerade Jugendliche besonders gefährden?
Hermann: Das Suchtmittel Nummer eins ist die legale Droge Alkohol. Verbreitet ist auch Spice, eine Kräutermischung aus England, die häufig als Ersatz für Cannabis konsumiert wird. Spice ist seit 2008 in Deutschland verboten. Zur neuen synthetischen Partydroge könnte GBL werden − es ist als Lösungsmittel etwa in Reinigungsmitteln und Nagellackentferner enthalten und hat eine betäubende Rauschwirkung.
Welche körperlichen Symptome treten bei Drogenkonsum auf?
Hermann: Es zeigen sich Entzugserscheinungen − wie Zittern oder geweitete Pupillen. Oft ändert sich auch das Erscheinungsbild, die Betroffenen verlieren Gewicht, achten weniger auf ihr Äußeres, vernachlässigen die Hygiene.
Welche Langzeitschäden drohen?
Hermann: Bei Cannabis zum Beispiel Lungen- und Bronchialerkrankungen. Das Risiko hier um ein Vielfaches höher als bei Tabak. Es können Herz-Kreislaufbeschwerden auftreten. Am schlimmsten ist aber die psychische Abhängigkeit − der Drogenkonsum kann zu Halluzinationen und sogar zu Psychosen führen.
Welche sind die ersten Anzeichen, dass jemand in die Drogensucht abgleitet?
Hermann: Erste Warnzeichen sind, wenn sich jemand völlig aus seinem sozialen Umfeld zurückzieht, vielleicht einen ganz neuen Freundeskreis hat und sich die Persönlichkeit stark verändert − der Betreffende zum Beispiel ständig unausgeschlafen, gereizt, depressiv oder gewalttätig ist. Auch wenn jemand in der Schule oder im Büro plötzlich häufig fehlt, unpünktlich und unzuverlässig ist, sollte das Umfeld aufmerksam werden. Schreitet die Sucht voran, wird die Beschaffung des Suchtmittels zum Lebensmittelpunkt.
Wie sollten Angehörige oder Freunde reagieren?
Hermann: Zunächst ist es wichtig, dass das Umfeld die psychischen und körperlichen Veränderungen wahrnimmt. Dann sollte man das Gespräch suchen und die eigenen Beobachtungen schildern, eventuell auch Regeln aufstellen und Konsequenzen aufzeigen.
Wie wichtig ist professionelle Hilfe?
Hermann: Sie ist unabdingbar, um zu verhindern, dass Angehörige in eine Co-Abhängigkeit geraten. Vor allem Eltern tendieren dazu, den Süchtigen auch materiell zu unterstützen, und unterstützen damit die Sucht. Es gibt durchaus Menschen, die erst mal spüren müssen, was es bedeutet, alleine und ohne ein Dach über dem Kopf zu sein, dass also Familie keine Selbstverständlichkeit ist. Erst dann lassen sie sich helfen − und die Annahme von Hilfe basiert nun einmal auf Freiwilligkeit und Selbsteinsicht, man kann niemanden zwingen.
Welche Hilfsangebote gibt es?
Hermann: Ansprechpartner vor Ort sind Erziehungsberatungsstellen, Beratungslehrer, Schulsozialarbeiter. Informationen gibt es auch beim Amt für Familie, Jugend und Senioren der Stadt, Telefon 07131/562132, bei der Jugend- und Suchtberatung Heilbronn, der Psychosozialen Beratungs- und ambulanten Behandlungsstelle für Suchtkranke des Diakonischen Werkes Heilbronn oder der Caritas Heilbronn-Hohenlohe, es gibt verschiedene Selbsthilfegruppen. Für Eltern kann zum Beispiel der Elternkreis Heilbronn für sucht- und psychisch belastete Töchter und Söhne hilfreich sein.
www.dhs.de, www.bzga.de, www.kenn-dein-limit.info, www.drugcom.de

