Acht Mal um die Welt gelaufen

Artikel vom 25.07.2010

Auf dem Berg

Jürgen Mennel (50) aus Obersulm-Affaltrach ist in seinem Leben wohl mehr Kilometer gelaufen als jeder andere Mensch in der Region. Der verheiratete Familienvater ist nicht nur ehemaliger Vize-Weltmeister im 100-Kilometer-Lauf mit einer Bestzeit von sieben Stunden und zwei Minuten, sondern er nimmt seit 2006 auch regelmäßig an Senioren-Welt- und Europameisterschaften im Berglauf teil. Am 20. September startet Mennel seine bis dato größte Lauf-Reise: In 27 Tagen will er die 2.200 Kilometer lange Strecke von Heilbronn nach Athen bewältigen. echo-Redakteur Olaf Kubasik hat sich mit dem Diplom-Sozialarbeiter (Schwerpunkt Sport) der Stiftung Lichtenstern unterhalten.

Warum haben Sie überhaupt ein Auto?

Jürgen Mennel: Na, weil ja auch Familienfahrten anstehen − zum Beispiel zum Einkaufen. Und da ich ich sehr schwach entwickelte Arme habe, benötige ich eben ein Auto.

Aber eigentlich könnten Sie doch jede Strecke zu Fuß zurücklegen, so fit wie Sie sind.

Mennel: Ich könnte sehr viele Strecken laufen − das ist sicher richtig. Aber ich bin verwöhnt und picke mir eben nur noch die Rosinen heraus − wie den Stocksberg, den Mainhardter Wald oder das Hohenloher Land.

Wie viele Kilometer sind Sie schätzungsweise in Ihrem Leben schon gelaufen?

Mennel: Ich habe 2008 anlässlich meines Laufes nach Berlin nachgerechnet und bin anhand meiner Trainingspläne auf 300.000 Kilometer gekommen. Mittlerweile dürften es 320.000 Kilometer sein. Ich bin also schon acht Mal um die Welt gelaufen.

Das klingt schwer nach Sucht. Würden Sie sich denn selbst als Lauf-Junkie bezeichnen?

Mennel: Das würde ich nicht sagen. Mir macht das Laufen einfach Spaß. Und süchtig bin ich auch nicht − das habe ich 2007 gemerkt, als ich wegen einer Lungenentzündung acht Wochen außer Gefecht gesetzt war. Da hatte ich keinerlei Entzugserscheinungen, also weder Schweißausbrüche noch Herzstolpern. Ehrlich gesagt, hätte ich damals am liebsten aufgehört. Aber dann hat mir das Natur-Erlebnis gefehlt...

2008 sind Sie von Künzelsau nach Berlin gelaufen − in fünf Tagen. Jetzt ist Ihr Ziel Athen. Für was quälen Sie sich so?

Mennel: Mich interessieren Herausforderungen. Zudem müssen solche Extremläufe eine Botschaft vermitteln. Der Lauf nach Berlin fand ihm Rahmen der Stallwächterparty statt, bei der sich unsere Region als Weltmarktführer präsentieren wollte. Und der Athen-Lauf geht anlässlich des 2.500-jährigen Jubiläums des Marathon-Laufes über die Bühne. Zeitgleich mit einer Wissensstafette, die im Internet unter www.athenlauf.de virtuelles Wissen vermittelt. Sowas ist schon eine tolle Sache.

Ihre 100-Kilometer-Lauf-Karriere haben Sie Ihrer Familie zuliebe beendet. Zu zeitintensiv sei das Training gewesen, sagten sie damals. Erfordern Berg- oder Extremläufe wie der nach Athen denn wirklich ein geringeres Trainingspensum?

Mennel: Nein, das Pensum ist nicht geringer. Aber der Athen-Lauf ist ein absolutes Sonderding. Ich habe im Juni vergangenen Jahres mit der Vorbereitung angefangen, ab Oktober ging es dann richtig los. Seitdem laufe ich 250 bis 300 Kilometer die Woche − ohne einen einzigen Ruhetag.

Und wie reagiert Ihre Familie darauf, wenn Sie ihr erklären, mal kurz nach Berlin oder Athen laufen zu wollen?

Mennel: Meine Frau hat die Botschaft verstanden, die hinter den Läufen steckt und zeigt Verständnis dafür. Und meine beiden Kinder sind ohnehin laufbegeistert. Wenn meine Familie nicht hinter mir stehen würde, würde ich das alles gar nicht machen.

Aber irgendwann − das weiß jeder Ultraläufer − kommt der tote Punkt. Wie schaffen Sie es, diesen immer wieder aufs Neue zu überwinden?

Mennel: Wenn der tote Punkt kommt, versuche ich zuerst, eine Schippe draufzulegen. Falls das nicht funktioniert, hilft allerdings nur die totale Defensive. Dann benötigt der Körper andere Reize. Die setze ich durch spezielle Atemübungen während des Laufens. Oder manchmal laufe ich auch mit Ball weiter − egal, ob dribbelnd oder kickend.

Sie arbeiten hauptberuflich mit geistig behinderten Menschen. Welche positiven Auswirkungen hat das Laufen auf Ihre Schützlinge?

Mennel: All das, was auch für Normalmenschen gilt. Laufen beugt Herz-Kreislauferkrankungen vor, bekämpft Übergewicht, und es sorgt für geistige Frische. Ich habe bei meiner täglichen Arbeit die Erfahrung gemacht, dass meine Schützlinge aufnahmefähiger sind, wenn sie zuvor Sport getrieben haben.

Was dürfen wir als nächstes von Ihnen erwarten − einen Lauf um die Welt in 500 Tagen?

Mennel: Nein, garantiert nicht. Mich treibt der Mythos an − wie beim Athen-Lauf. Aber dabei wäre mir auch wesentlich wohler, wenn der Mythos zum Beispiel im norditalienischen Triest begründet worden wäre.

Acht Mal um die Welt gelaufen

Ich picke mir die Rosinen heraus.

Jürgen Mennel

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